Am Freitag waren wir wieder mal im Erlanger Theater. Auf dem Programm stand ein Stück von Friedrich Schiller, “Kabale und LIebe“. Etwas schade ist, dass im Schiller-Jahr (er ist vor zweihundert Jahren am 9. Mai 1805 gestorben) erst so spät und auch nur ein Stück von ihm aufgeführt wird. Auch das Theater Schauspielhaus Staatstheater Nürnberg führt erst im Dezember “Die Räuber” auf. Ein Armutszeugniss, dafür dass Schiller einer der bedeutesten Autoren Deutschlands ist.räu
Bezüglich der Geschichte schreibt das Theater Erlangen folgende kurze Zusammenfassung:
“Der Inhalt des Stücks ist kurz dieser: ein Präsident will seinen Sohn an die Mät-resse des Fürsten verkuppeln, um dadurch seinen Einfluß bey Hofe zu erhalten, das ist die Kabale. Der Sohn des Präsidenten hat sich in eine Geigertochter vergafft, das ist die Liebe. Zuletzt vergiftet er sich zugleich mit dieser Geigerstochter, das ist dann die vollständige Tragödie.”
Zu dem Titel “Kabale und Liebe” muss man wissen, was das Wort “Kabale” bedeutet. Kabale ist ein altertümliches Wor für Intrige.

Wie auf dem Bild zu sehen, dreht sich der Mittelpunkt um das Liebespaar Ferdinand und Luise. Doch bereits an dern drei Farbgebungen der Personen lassen sich Unterschiede feststellen. So gehören Luise und ihre Eltern dem einfachen Bürgertum an, Sophie und Wurm dienen dem Adel, die übrigen sind blauen Blutes. Neben der unglücklichen Liebe wird als Hauptmotiv die Kritik an den unterschiedlichen Gesellschaftsschichten in dem Stück dargestellt.
Mit gemischten Vorstellungen gingen wir in die Vorführung. Die Kritik der Nürnberger Nachrichten war sehr schlecht ausgefallen. Und das Theater Erlangen ist für seine sehr modernen Inszenierungen bekannt. Leider waren unsere Sorgen berechtigt.
Die Regisseurin Nora Somaini verlagert das Stück in moderne Gesellschaftsschichten. Das Bürgertum mit Luise und dem Miller findet sich in einem Milieu wieder, dass am besten als asozial bezeichnet werden kann. Discounter-Tüten, Bier aus Plastikflaschen und billige Trainigsanzüge. Die Rolle der Millerin fällt komplett aus.
Der Adel wird sehr offensiv als dekadent dargestellt: Der Präsident spielt Polo, der Hofmarschall ist ein eitler Modepfau und Lady Milford eine koksschnupfende Hure, Ferdinand ein widerspenstiger Anarcho-Jüngling.
Das Bühnenbild nimmt die Teilung der beiden Personenschichten auf: Auf der einen Seite der hintere Bühnenteil, einige Stufen erhöht, weiß und rein. Auf der anderen Seite der vordere Bühnenteil, erreichbar über einen Steg, der durch ein Schlammbecken führt, um in die Unterkunft des Millers zu kommen.
Und hier beginnt auch schon die sehr freie (meiner Meinung nach zu freie) Interpretation: Das Schlammbecken wird bei Auseinandersetzung zum Schlammwrestling verwendet. Muss das sein? Auch die Übertragung der Figuren auf die unterste Gesellscahftssicht, das rumgekokse der Lady Milford, all das braucht es nicht, um eine gute Inszenierung zu gestalten. Der Hofmarschall von Kalb wird von einer Frau dargestellt. Dies ist grundsätzlich in Ordnung. Warum diese im letzten Drittel ihren Busen entblößen muss und ihre Brust als Sinnbild des schändlichen Vetrages zum Auseinanderbringen der beiden Liebenden benutzt wird, bleibt komplett im Dunklen. Dass die beiden Hauptdarsteller vor ihrem Tod noch einmal Sex haben, gehört anscheinend mittlerweil auch zum Usus heutiger Inszenierungen. Schiller dreht sich im Grabu um.
Die Darstellung und Besetzung der einzelnen Rollen ist sehr unterschiedlich geraten: Luise tritt etwas zu selbstsicher auf, Wurm spielt großartig den fiesen Intriganten, der Präsident und auch sein Sohn überzeugen und der Miller ist zu eindimensional gehalten. Was das Stück rettet, sind die Texte Schillers. Diese sind nicht geändert worden. Wenigstens eines, was nicht modern interpretiert wurde.